Sonntag, 9. Februar 2020

Unsere Gesellschaft


Seit dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten, Herrn Lübke, ist in unserem Land ein neues Thema auf den Tisch gekommen. 
Die Gewaltbereitschaft einzelner Menschen, insbesondere gegen Kommunalpolitiker. 
Wie Luftblasen in einem Morast, treten immer wieder neue Schreckensnachrichten hervor und verbreiten einen unangenehmen Geruch, wenn sie zerplatzen. 
Was ist los in unserer Gesellschaft? 
Warum herrscht so ein raues und dissoziales Klima, 
bis hin zur Gewaltbereitschaft ohne erkennbaren Grund?

Ich glaube, es liegt an einer „neuen Spezies“ Mensch: 
Den Bessermenschen. 
Diese Sorte Menschen können grundsätzlich alles besser und, vor allem, 
sie sind besser als alle anderen Menschen. 
Sie können besser Fußballspielen, als unsere Nationalmannschaft; 
sie hätten eben diese Mannschaft besser aufgestellt, als der Bundestrainer; 
sie fahren besser Auto, als andere Verkehrsteilnehmer und 
sie sind Verfechter der freien Meinungsäußerung. 
Jedenfalls so lange, so lange es die eigene Meinung ist. 
Einem anderen gestehen sie dieses Recht, der freien und vor allem der eigenen Meinung, 
nicht zu. 
Vielfach tobt sich diese Sorte Mensch in den sozialen Netzwerken aus. 
Gerade Twitter ist hier ein willkommener Ort für Bessermenschen. 
Hier können sie sich in den Kommentierungen jeglicher Postings suhlen. 
Erkennbar sind ihre „Beiträge“ daran, dass spätestens nach dem dritten Kommentar,
es nicht mehr um die Sache an sich geht, sondern nur noch darum, 
den Vor-Kommentator zu diffamieren. 
Bis hin zum verbalen Tiefschlag, das Gegenüber hätte sowieso keine Ahnung vom Thema 
und solle sich, gelinde gesagt, in Luft auflösen. 
Wagt der Denunzierte nun eine Gegenrede, wird er sofort mit noch mehr Dreck beworfen, 
weit weg jeglicher Sachlichkeit und weit weg vom Ursprungsthema.
Diese zwei Faktoren des Bessermenschen an sich sind allerdings noch nicht dramatisch 
oder gar gefährlich. 
Ähnlich verhält es sich auch mit Schwarzpulver. 
Seine Bestandteile, locker zusammengemischt, lassen zwar ein reaktionäres Gemisch entstehen, 
doch explosiv wird es dann erst mit dem nötigen Druck, auf diese Mixtur. 
Bessermenschen mit fehlender Fähigkeit der Selbstreflexion, 
mit einer gehörigen Portion an dissozialem Auftreten, 
einer Portion Arroganz und Rücksichtslosigkeit und dem entsprechenden Gesellschaftlichen Druck, lassen einen extremistischen und vielleicht auch tollwütigen Spinner gedeihen. 
Mindestens brandgefährlich, wenn nicht gar in höchstem Maße explosiv. 
Das sind die Menschen, die bereit sind zu töten, 
wenn jemand nicht gleicher Meinung - nicht ihrer Meinung - ist.
Das fatale an der Sache ist, dass es in unserer Gesellschaft mittlerweile sehr viele Bessermenschen gibt. 
Nicht explosiv, aber mit der nötigen Grundsubstanz ausgestattet. 
Beweise und Beispiele hierzu gibt es im täglichen Miteinander zu Hauf. 
Am deutlichsten wir dies im Straßenverkehr. 
Das Blinken, bei einem Fahrspurwechsel oder beim Abbiegen, ist nicht mehr üblich. 
Der Andere soll eben warten, bis ICH abgebogen bin! 
Die Haltung: 
„Ich kann tun und lassen, was ich will! Denjenigen, den es stört, kann ja gehen!“ 
Ist ein weiterverbreitetes Denken. 
Heute wird nicht mehr die Frage gestellt, ob das eigene Tun, vielleicht jemanden stören könnte. 
Nein, wem mein Tun nicht passt, der soll - gefälligst - verschwinden. 
Telefonieren in der Öffentlichkeit, Klingeltöne der Mobiltelefone in Maximallautstärke, 
das Betrachten von Videos auf dem Smartphone mit ebenfalls erhöhter Lautstärke 
und viele weitere kleine Mosaiksteine, die ein respekt- und rücksichtsloses Verhalten an den Tag legen. 
Und dabei spielt weder das Alter, noch die Herkunft eines Menschen, eine ursächliche Rolle. 
Dieses, aus meiner Sicht dissoziale Verhalten, verbreitet sich wie ein Virus in unserer Gesellschaft. Auch findet man Bessermenschen kaum, oder gar nicht in gemeinnützigen Organisationen. Bessermenschen sind nicht gemeinnützig. 
Bessermenschen sind sich selbst am nächsten und sie wissen es auch! 
Ein weiteres Erkennungsmerkmal von Bessermenschen, 
ist das grundsätzliche in Frage stellen einer Expertenmeinung oder Expertenhandlung. 
Nicht zu verwechseln mit dem Hinterfragen von vielleicht unverständlichen oder komplexen Zusammenhängen. 
Der Bessermensch ist besser als ein Experte. 
Wozu also noch fragen? 
Der Experte hat sowieso keine Ahnung! 
Und so kommt es, dass selbst offensichtliche Tatsachen grundsätzlich verworfen werden. 
Auch, und gerade gegenüber Politikern. 
Die haben sowieso keine Ahnung. 
Keiner! 
Da allerdings der Bessermensch nicht gemeinnützig veranlagt ist, 
wird es ihn auch nicht in die Politik ziehen, um es tatsächlich besser zu machen. 
Nein, er bleibt brav auf dem Sofa und weiß es von dort aus besser. 
Auch in der aktuellen Klimadebatte wird das eigene Handeln und die eigene Rolle nicht hinterfragt. Der Staat müsse Regelungen schaffen, die wiederum nicht das persönliche Wohlbefinden tangieren dürfen. Aus eigenem Antrieb, aus eigener Initiative einen kleinen „freiwilligen“ Beitrag leisten - Fehlanzeige. 
„Sollen doch erst mal die Anderen mit gutem Beispiel voran gehen!“ 
Welche Brisanz der Virus Bessermensch hat, zeigt sich auch in dem jüngsten Anschlag von Halle. Hier hat die explosive Version eines Bessermenschen zugeschlagen. 
Verblendet, realitätsfremd und unfähig sich selbst zu hinterfragen. 
Und das in einem Zeitalter der maximalen Informationsbeschaffung und freien Meinungsbildung. 
Ist dies der Anfang vom Untergang unserer Zivilisation? 
Die schleichende virulente Zerstörung unseresgleichen? 
Man muss diesen Eindruck bekommen, denn dieses Phänomen kennt keine geografischen oder kulturellen Grenzen. 
Eine schnell um sich greifende Krankheit verbreitet sich hier weltweit. 
Ist es unsere Genetik, die uns hindert friedvoll, respektvoll und vor allem rücksichtsvoll miteinander umzugehen?

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